DER MENSCH ATATÜRK

 

Eine der wichtigsten Eigenschaften von Atatürk war, dass er ein Ideologe war. Der Kemalismus, der auf die Ideologien und Auffassungen von Atatürk beruht, ist eine verständnisvolle Weltauffassung, die fern von jeder dogmatischer Eigenschaft ist. Er stürzt sich auf die Tatsachen des Landes, nähert sich den Problemen mit gesundem Menschenverstand, ist modern und will die türkische Nation ständig vorantreiben. Die Prinzipien von Atatürk stellen die Grundeigenschaft des Kemalismus dar. Deshalb sind die Reformen von Atatürk, wie eine Art Kunstwerk. Diese Prinzipien sind die Wege, die Atatürk eingeschlagen hat, um die Türkei in kurzer Zeit auf den höchsten Stand der Zivilisation zu bringen. Deshalb sind die Prinzipien von Atatürk philosophisch gesehen konstruktiv. In der Geschichte ist dies offen und klar zu sehen.

Atatürk respektierte die Menschenrechte sehr. Als er über die türkische Reform sprach, sagte er: Diese Reform ist das Werk des Patriotismus. Diese Reform bedeutet, unseren Kindern eine bessere Zukunft zu überlassen. Er selbst hatte eine sehr verständnisvolle Weltauffassung.

 

Atatürk war ein Realist, zurechnungsfähig und stilvoll. Er konnte die Zuneigungen der Bevölkerung sehr gut erkennen. Deshalb konnte er auch seine Reformen sehr leicht strukturieren. In seinem Kampf vertraute er von Anfang an den hohen Eigenschaften der türkischen Nation. Jeden Sieg bezeichnete er als Werk der Nation. Alle Initiativen stützte er auf die Liebe gegenüber seiner Nation. Mit seiner starken Persönlichkeit und Überzeugungskraft zeigte er der ganzen Nation, dass er Derjenige ist, der die Nation in eine blendende Zukunft führen wird

 

Atatürk war ein Führer mit ganz eigenen Persönlichkeitsmerkmalen. Er war aufrichtig und herzlich. Ihm waren Angeberei und Übertreibung zuwider. Er mochte es nicht gelobt zu werden und Schmeichler schon gar nicht. Menschen die ihre Rede in die Länge zogen unterbrach er mit einem „Also“. Er wollte, dass Gespräche effizient waren. Atatürk war sehr freigiebig.

Atatürks Persönlichkeit hatte viele Facetten. Mit seinen Soldaten rauchte er und unterhielt sich mit ihnen. Mit einfachen Bauern trank er Ayran. Er mochte es im Schneidersitz süßen Mokka zu trinken und sich aus dem Kaffeesatz die Zukunft weissagen zu lassen. In vielem war er wie ein einfacher Bürger. Außerdem war er ein Intellektueller, der es liebte ohne Laibwachen, mit seinen Freunden durch Istanbul zu ziehen, in einem Café Kuchen zu essen oder in einem einfachen Lokal Suppe zu trinken. Er hatte einen freien Geist und liebte es spontan etwas zu unternehmen. Von seinem geliebten Grammophon konnte er sich nicht trennen und auf dem Tanzparkett bei Bällen gab er ebenfalls eine Gute Figur ab. Er war ein galanter Kavalier der jungen Damen und liebte vor allem Walzer und Tango.

Trotz seiner Strenge als Staatsmann und seiner soldatischen Herkunft, war er in seinem Privatleben sehr empfindsam und romantisch.

Atatürk wurde gekannt und geliebt als ein heldenhafter Soldat, erfolgreicher Staatsmann, entschlossener Revolutionär, mutiger Reformer und als Zeitgenössischer volksnaher Führer. Aber er wurde auch für sein gutes Aussehen und seine geschmackvolle Garderobe geliebt. Doch hinter all diesen besonderen Werten verbarg sich auch ein schüchterner, empfindlicher und feiner Mensch, der erlesene Leidenschaften hatte. Vor allem für die Kunst.

Aber er war auch ein Mensch, der um seine Einsamkeit wusste und dies sehr intensiv erlebte.

Mit seiner freien Seele wollte Atatürk manchmal einfach nur für sich sein. Mit seiner Sehnsucht nach einem einfachen Leben, stieg er manchmal aufgeregt aus dem Auto aus und sprang auf die vorbei fahrende Straßenbahn auf und fuhr nach Beyoglu. Wenn es ihn überkam sang er, wenn er euphorisch war tanzte er. Mit seinen Soldaten machte er Armdrücken. Manchmal stand er nach Mitternacht auf, ging runter in die Küche und bereitete zusammen mit seinem Koch einen Omelette zu.

Ein Mensch ist in seinem Erwachsenenleben bis zu seinem Tod entweder Soldat, Staatsmann, Umweltschützer, Theatermann, Künstler oder Archäologe. Aber der einzige Führer auf der Welt, der all das in Personalunion war, war Mustafa Kemal Atatürk.

 

Kennen wir Atatürk wirklich? Uns wurde in den Schulen erzählt, dass er in einem Bauernhof aufgewachsen ist und auf den Feldern Raben verscheucht hat.

Er war Gründer der Republik und Staatspräsident. Mehr nicht.

 

Wissen wir, dass er tatsächlich 15 Jahren gelebt hat (davor war er Mustafa Kemal und in mehreren Fronten Soldat) oder, dass er über 3000 Bücher gelesen und immer Randnotizen gemacht hat?

Wissen wir auch, dass er manchmal Tränen vergossen hat?

Eine davon war, als das Geschützfeuer in Canakkale begann. Die zweite Situation war in der damalig kargen und trockenen Steppenlandschaft Ankaras.

Auf dem ganzen Weg von Cankaya bis zum Parlament stand nur ein einziger Baum. Eine Ölweide. Jedes Mal wenn sein Auto an dem Baum vorbei kam, ließ er es anhalten, ging zum Baum und grüsste ihn.

 

EinesTages  fuhr er mit einem Freund diese Strecke. Er sah plötzlich, dass der Baum gefällt war. Er fragte sofort, "Was ist mit dem Baum geschehen?" Seine Begleiter sagten, dass sie die Strasse verbreitern wollten und gezwungen waren, den Baum zu fällen. Atatürk war wütend und sagte, "Gott verdammt, warum habt ihr mich nicht gefragt, ich hätte einen Weg gefunden den Baum zu retten. Dieser große Mann, dieser Führer, der ganzen Großmächten die Stirn geboten hatte, konnte nicht mehr an sich halten. Er stieg ins Auto und vor den Augen des Chauffeurs und seines Freundes begann er Tränen zu vergießen. Aber es war nicht nur wegen dieses einzigen Baumes. Es war auch wegen der immensen Verantwortung, die er für ein Lebewesen fühlte, das auf dem Land wuchs, das er unter so schweren Bedingungen befreit hatte. Eine andere Episode, im Jahre 1930 zeigt, welchen Wert Atatürk der Natur und der Umwelt beimaß, lange Jahre bevor der Begriff der Umwelt in die Alltagssprache einging.

Als Atatürk eines Tages zum Yalova Palais ging, sah er plötzlich, wie ein Gärtner sich daran machte eine riesige Eiche zu fällen. Er rief den Gärtner zu sich und fragte, "Hast du jemals in deinen Leben einen solchen Baum gepflanzt und aufgezogen, dass du jetzt glaubst ihn fällen zu dürfen?" Der Gärtner, " Mein Pascha, die Wurzeln der Eiche haben das Fundament des Palais angehoben und die Äste gefährden die Fenster. Entweder wir verlieren den Palais oder den Baum und verzeiht uns Pascha wir haben uns für den Baum entschieden. Atatürk überlegte einen Moment und sagte, "Nein, falls nötig werden wir den Palais vom Baum entfernen."

Die Umstehenden konnten nicht glauben, was sie da gerade gehört hatten. Wie sollte so etwas möglich sein? Atatürk ließ Straßenbahnschienen zum Palais transportieren. Ohne den Palais auch nur ein Stück zu beschädigen, wurden die Straßenbahnschienen unter das Fundament verlegt. Mit Spitzhacke und Schaufel half Atatürk tatkräftig mit. Dann wurde das Gebäude um ganze 4 Meter achtzig von der Eiche weg geschoben und somit gerettet.

 

                                                                                     (Memorien Atatürks)